"Schritt für Schritt den Weg gehen" - Martin Scherb im Interview
Thomas Maurer am 2012-06-06- Geschrieben von Thomas Maurer

Am Rande des Relegationsschlagers zwischen dem GAK und dem TSV Hartberg in Graz, haben wir Martin Scherb getroffen. Der Trainer des SKN St.Pölten hat mit uns über die Ziele seines Klubs, die Kaderplanung und über das Nationalteam unter Coach Marcel Koller gesprochen.
In St.Pölten habt ihr jetzt eine neue Stadionanlage, die nun definitiv bundesligareif ist. Will man mit der Mannschaft nachziehen und peilt den Aufstieg an?
Wir haben uns jetzt vier Jahre in der Ersten Liga mit einer veralteten Infrastruktur durchgekämpft, die ist jetzt auf Bundesliga-Niveau. Der Verein wird immer professioneller, aber das Credo bei uns lautet mit Nachhaltigkeit und Geduld zu arbeiten und nichts zu überstürzen. Zwei Drittel unserer Spieler sind aus der Akademie St.Pölten mit der wir kooperieren. Dazu kommt externe Qualität in Form von Einzelspielern aus dem In- und Ausland. Wir setzen auf eine langsame Entwicklung, wollen Schritt für Schritt den Weg gehen, der am Ende in die Bundesliga führen soll.
Wie schaut der Kader aus, welche Rolle wird beispielswiese Rückkehrer Mirnel Sadovic spielen?
Wir haben in der Rückrunde unsere Abwehrleistung klar verbessert, haben im Winter mit dem Spanier Jano einen Spielertypen dazubekommen, der unser Spiel stabilisiert und vorne haben wir mit Segovia einen echten Torjäger, der in dieser Saison 17 Mal getroffen hat. Das ist einmal unser Gerüst, auf dem wir aufbauen. Einen Großteil des Kaders kenne ich schon seit langem durch meine Tätigkeit als Landesauswahltrainer, das heißt ich kenne die Menschen hinter den Fußballern. Das passt bei uns auch alles menschlich und fußballerisch. Und Mirnel ist genauso ein Puzzleteil, das das Bild einer starken Mannschaft immer klarer erscheinen lässt.
Wie kam es zum Transfer von Mirnel Sadovic, der ja zuletzt in Altach war?
Wir standen eigentlich immer in Kontakt mit ihm. Er hat schon im Sommer kurz bei uns mittrainiert und jetzt wollte er einfach wieder „heim zu seiner Familie“. Das haben wir versucht irgendwie möglich zu machen und es hat geklappt. Mit Mirnel sind wir auf jeden Fall schwerer ausrechenbar. Wir haben jetzt eine Alternative zu Segovia, der eine extrem starke Saison gespielt hat. Leider hat er drei Wochen der Vorbereitung wegen einer Blinddarmoperation verpasst, sonst hätte er sich auch ziemlich sicher die Torjägerkrone geholt.
Was ist das Saisonziel für die kommende Spielzeit?
Wir haben die Kaderplanung ja noch nicht abgeschlossen, zwei Spieler dürften noch dazu kommen. Wir wollen aber auf jeden Fall den Abstand zur Spitze weiter verringern, was uns ja jetzt im Frühjahr schon gut gelungen ist. Am Ende soll ein Top-3 Platz drin sein. Und in der Saison darauf möchten wir dann um den Titel mitspielen.
Du hast vorhin angesprochen, der SKN möchte Schritt für Schritt den Aufstieg schaffen. Beim WAC dauerte es nicht lange von der Regionalliga bis in die Bundesliga, wie siehst du diese Entwicklung und was ist für die Wolfsberger drin?
Beim WAC waren es auch einzelne Schritte, Mosaiksteine die letztendlich zum Erfolg führten. Das erste Jahr in der Ersten Liga schloss der WAC auf Rang 4 ab. Dann wurde gezielt verstärkt und jetzt der Aufstieg geschafft. Ähnliche Pläne hätten auch wir gehabt, bei uns gab es allerdings nicht die finanziellen Möglichkeiten um diese wichtigen Transfers nach dem ersten Zweitliga-Jahr zu tätigen und so müssen wir eben kleinere Schritte machen. Was den WAC in der Bundesliga betrifft denke ich, dass sicher ein Platz zwischen 5 und 8 drin ist. Die Aufsteiger haben sich nie schwer getan in den letzten Jahren und so wird es auch dem WAC gehen.
Der WAC steigt auf, stattdessen kommt Kapfenberg in die Erste Liga. Wie schätzt du den KSV ein?
Das ist sehr schwer, der KSV ist ganz, ganz schwer einzuschätzen. Wir haben im Winter gegen sie gespielt und da waren sie richtig gut. Ich hätte mir sogar vorstellen können, dass sie den Klassenerhalt noch schaffen. Allerdings hängt auch viel davon ab, welche Spieler bleiben und welche gehen. Ob den Kapfenbergern der sofortige Wiederaufstieg gelingt? Keine Ahnung. Aber vorne mitspielen werden sie sicher. Ich schätze Austria Lustenau am stärksten ein, dann kommt Altach und Kapfenberg und dann wir.
Welches ist dein liebstes Spielsystem und warum?
Ich habe kein favorisiertes System, ich spiele gerne 4-4-2, aber auch 4-2-3-1. Beides hat meine Mannschaft drauf und im Sommer möchte ich auch noch 4-3-3 einstudieren um insgesamt variabler zu sein. Die Spielphilosophie hat nichts mit dem Spielsystem zu tun, unsere Philosophie geht in die Richtung „Attraktives Kurzpassspiel, Pässe in die Tiefe“ und dazu ist kein festes Spielsystem notwendig. Wir passen das an die Gegebenheiten an - an den Gegner, an die zur Verfügung stehen Spieler.
Was sagst du zum Wechsel von Constantini zu Koller und was siehst du am Platz, im Vergleich zur DiCo-Ära?
Der Schritt war notwendig und richtig. Jetzt sieht man, dass es Vorgaben gibt, die die Spiele umzusetzen versuchen. Das war vorher nur mit sehr viel Wohlwollen erkennbar.
Marc Janko hängt beim Nationalteam meist in der Luft…
Aber er hat Klasse. Janko hat immer in Teams gespielt, die offensiv stark waren, in Salzburg und vor allem bei Twente in einem 4-3-3. Beim ÖFB-Team setzt man auf Ordnung, was richtig und wichtig ist, darunter leidet im Moment die Offensive etwas und Janko bekommt einfach nicht viele Bälle. Wenn er Bälle in die Box bekommt, macht er von zwei Chancen eine rein. Beim Nationalteam muss man sich aber immer auch nach dem Gegner richten, gegen Deutschland wird Janko kaum zu Chancen kommen, da wäre ein Harnik eher die richtige Wahl. Aber gegen Rumänien zum Beispiel, wo man als Österreicher doch den Anspruch haben muss, das Spiel zu gestalten wird er eher der richtige Mann sein.
Was ich unbedingt loswerden will, hier am Rande des Relegationsspiels ist, dass die Regionalliga-Meister unbedingt fix aufsteigen sollten. Dazu sollten keine Amateurteams von Bundesligisten in der Ersten Liga spielen dürfen und eine Aufteilung der Regionalliga in zwei Gruppen wäre ideal. Das ist meine Meinung zum Ligasystem in Österreich.
